Von Eric Papagelidis
Die Debatte um Hochbegabung und ihre Beziehung zur Neurodiversität ist mehr als eine terminologische Feinjustierung – sie berührt das kulturelle Fundament, auf dem unsere Vorstellungen von Normalität, Abweichung und Förderung ruhen. Die Begriffe, die wir verwenden, lenken unseren Blick: auf das Defizit oder das Potenzial, auf Krankheit oder Vielfalt, auf Anpassung oder Transformation. Wer von Neurodiversität spricht, spricht über Gesellschaft – nicht nur über Diagnostik.
Noks Nauta gehört zweifellos zu den wichtigsten Stimmen, wenn es um das Sichtbarmachen und Unterstützen von Menschen mit problematischer Hoch- und Höchstbegabung geht. Ihr langjähriges Engagement hat unzähligen Betroffenen geholfen, ihre kognitive Besonderheit nicht als Stigma, sondern als Lebensrealität zu verstehen. Umso mehr verdient ihre kritische Haltung zur Einordnung von Hochbegabung unter den Begriff Neurodiversität eine differenzierte Auseinandersetzung.
In ihrem Blogbeitrag „De andere kant van het begrip neurodiversiteit/neurodivergentie“ warnt Nauta davor, Hochbegabung in denselben Diskursrahmen wie Autismus oder ADHS zu stellen. Ihre Hauptsorge: Hochbegabung sei keine behandlungsbedürftige Störung, ihre Integration in das neurodiverse Spektrum könnte die Ernsthaftigkeit medizinischer Diagnosen unterminieren. Johannes Ammon greift diese Perspektive in seiner eigenen Auseinandersetzung auf – als Plädoyer für begriffliche Trennschärfe im Sinne diagnostischer Klarheit.
Doch gerade hier zeigt sich eine problematische Verengung: Denn Neurodiversität ist kein medizinischer, sondern ein kulturkritischer Begriff. Er beschreibt nicht Krankheiten, sondern die gesellschaftliche Konstruktion von Norm und Abweichung – und lädt dazu ein, diese Normen zu hinterfragen. Die Zugehörigkeit zur Neurodiversität ist kein Ausweis für Kranksein, sondern Ausdruck einer Konstitution, die im Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen Spannung erzeugt.
Hochbegabung erfüllt genau diese Bedingung: Sie ist eine kognitive Disposition, die oft zu tiefen Missverständnissen führt – im Bildungssystem, in sozialen Beziehungen, in der Selbstwahrnehmung. Dass Hochbegabung als „positiv“ gilt, schützt sie nicht vor Isolation, Fehldiagnosen oder mangelnder Passung. Ihre gesellschaftliche Konnotation als „Privileg“ verkennt die realen Belastungen vieler Betroffener – insbesondere jener, deren Begabung nicht mit sozialen oder emotionalen Ressourcen korrespondiert.
Die Abgrenzung der Hochbegabung vom Diskurs der Neurodiversität wirkt in diesem Licht nicht schützend, sondern trennend. Sie perpetuiert eine Sichtweise, in der nur pathologisierte Abweichung legitim Anspruch auf gesellschaftliche Rücksichtnahme erheben darf. Gleichzeitig wird die Hochbegabung zur exklusiven Ausnahme stilisiert – und damit aus vielen Förderdiskursen ausgeschlossen.
Nauta, die sich ihr Leben lang für differenzierte Förderansätze jenseits normativer Schablonen eingesetzt hat, läuft hier Gefahr, durch begriffliche Reinheit genau jene Komplexität zu verlieren, die sie in ihrer praktischen Arbeit stets eingefordert hat. Denn wenn Neurodiversität ernst genommen wird, dann als ein Konzept, das auch nicht-behandlungsbedürftige Differenz integriert – als kulturelle Realität, nicht als klinische Klassifikation.
Eine integrative Perspektive, die Hochbegabung als Teil des neurodiversen Spektrums versteht, bedeutet nicht Gleichmacherei. Sie bedeutet: Wir sehen kognitive Diversität nicht nur dort, wo sie stört, sondern auch dort, wo sie missverstanden wird – gerade weil sie nicht sofort stört. Und wir erkennen an, dass jedes nicht genormte Erleben ein Recht auf Resonanz hat – in der Pädagogik, im Gesundheitssystem, im gesellschaftlichen Miteinander.
Die Diskussion, ob Hochbegabung unter den Begriff der Neurodiversität „gehört“, ist also mehr als eine Frage der Definition. Sie ist eine Frage der kulturellen Haltung: Wem gestehen wir ein, anders zu sein, ohne es pathologisieren zu müssen? Und was sagt es über unsere Gesellschaft, wenn wir ausgerechnet die als „nicht zugehörig“ deklarieren, die uns an die Grenzen unserer Vorstellung von Normalität erinnern?