Johannes Ammon, Blog

Chorsingen und Corona

von Johannes Ammon am 8.9.2020

Vor kurzem (Ende August 2020) hat mich ein Freund angeschrieben, was ich denn jetzt über Chorproben in Zeiten von Corona denke. Meine Antwort ist ein bisschen länger geworden und weil sie vielleicht noch mehr Leute interessiert, will ich sie hier veröffentlichen.

Lieber …

jetzt habe ich ein bisschen länger zum Antworten gebraucht, aber weil ich davon ausgehe, dass Du von mir nicht einfach nur noch eine Meinung hören willst, habe ich mich etwas belesen. Hier das Ergebnis meiner „Forschungen“ :

Bei Chorproben werden in nennenswertem Ausmaß Corona-Infektionen übertragen. Jeder von uns kennt wahrscheinlich den Fall eines Chores in der Nähe von Seattle, wo trotz Abstand und Händedesinfektion von 61 Probenteilnehmern 52 infiziert wurden und 2 starben. (Siehe auch den ausführlichen Bericht des CDC.) Ähnliches ist auch in der Berliner Domkantorei passiert, von 80 Chorist:innen wurden 60 infiziert, keine Todesfälle.

Warum gerade beim Chorsingen? Wir wissen, dass die Corona-Infektion vor allem durch Tröpfchen und Aerosole, in geringerem Maße evtl. über Oberflächen durch Schmierinfektion übertragen wird. Dabei werden unter Tröpfchen kleine Flüssigkeitstropfen verstanden, die kurz nach ihrer Entstehung in der Nähe des Sängers zu Boden fallen. Daher kommt die 1,5- bzw. 2-Meter-Regel. Aerosole sind wesentlich kleinere Tropfen, kleiner als 10 oder 5 µm, die in der Luft schweben und mit dem Luftstrom verteilt werden. (Eigentlich „fallen“ diese Tröpfchen natürlich auch, aber eben viel langsamer, Größenordnung von Zentimetern oder Millimetern pro Minute.) Diese Aerosole bleiben über mindestens drei Stunden in der Luft und enthalten infektiöses Material.

Die Aerosole entstehen schon bei normaler Atmung oder beim Sprechen. Bei vertiefter Atmung kommt es vor, dass sich bei tiefer Ausatmung kleine Bronchien schließen und wieder öffnen, dabei entstehen verstärkt Aerosole. Es gibt auch eine Abhängigkeit von der Lautstärke des Sprechens/Singens. Infektiöse Aerosole werden schon produziert, wenn der Betroffene noch völlig symptomlos ist und deshalb noch nichts von seiner Erkrankung weiß.

Die Corona-Infektion geschieht dadurch, dass Viren in die Atemwege, d.h. die Nase, den Rachen und die Lunge kommen. Die infektiöse Dosis scheint eine Rolle zu spielen, je mehr Viren eingetragen werden, desto höher die Infektionswahrscheinlichkeit. Das Chorsingen besteht nun aus tiefem Ein- und Ausatmen, sodass die vorhandenen Aerosole verstärkt in die Lunge aufgenommen werden.

Eine Gruppe von über 125 Künstler-Vereinigungen der USA hat eine Studie über die Ausbreitung von Aerosolen bei Musizieren gestartet. Diese publiziert immer wieder Zwischenergebnisse. Sie empfehlen gut passende Masken, mehrlagig, waschbar oder Einwegmaterial. Der Abstand zwischen den Sängern soll 2 m (6 feet) betragen, die Masken werden auch bei Proben im Freien empfohlen und die Probendauer sollte auf 30 min beschränkt werden, mit ausreichendem Lüften zwischen den einzelnen Proben. Es gibt auch eine schöne Infografik dazu.

Die Barbershop Harmony Society hat ein ausgezeichnetes Webinar über die wissenschaftlichen Grundlagen und die Aussichten für das Chorsingen in der näheren Zukunft veröffentlicht. Hier sprechen ein Biologe, der seit Jahren über Aerosolübertragung von Krankheiten forscht, und eine HNO-Ärztin, beide aktive Musiker, über das aktuelle Wissen zur Ausbreitung von SARS2 und dessen Auswirkung aus unsere Chorpraxis. Diese Vorträge sind sehr fundiert und informativ, ich kann sie nur empfehlen. Auf der gleichen Seite steht auch eine Beurteilung der Situation von einem aus dem Vorstand der Barbershop Harmony Society. Die ist so prägnant, dass ich sie hier in Auszügen wörtlich zitiere:

Aus deutschen Berufsverbänden hört man ähnliche Töne, wenn auch nicht so schön formuliert. Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, die für Berufsmusiker zuständig ist, schreibt in ihren „SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard–Empfehlungen für die Branche Bühnen und Studios“: „Bei Chören ist ein Infektionsrisiko insbesondere durch Aerosole gerade auch bei steigender Gruppengröße erhöht. Deshalb ist derzeit vom Chorsingen in geschlossenen Räumen abzuraten. (…) Dennoch können bei verstärkter Lüftung (s. o.) und großem Abstand der Chormitglieder Proben und Darstellungen möglich sein. In Singrichtung ist ein Abstand von mindestens 6 m und seitlich von mindestens 3 m einzuhalten, um eine Tröpfcheninfektion wirksam zu verhindern. Dieser Abstand wird deshalb auch im Freien empfohlen und ist den vorhersehbaren Windeinflüssen anzupassen.“

Du siehst, meine zurückhaltende Einstellung zum Chorsingen in Zeiten von Corona hat sich leider nicht geändert, sondern hat durch das jetzige Nachlesen nur mehr Argumente bekommen.

Herzliche Grüße, Johannes