Johannes Ammon, Blog

Be excellent to each other

von Johannes Ammon am 2.4.2026

Seit 2 Jahren bin ich jetzt bei Mensa, und es ist über weite Strecken eine großartige Erfahrung. Aber was mir auf der anderen Seite immer wieder auffällt, ist, wie heftig hier gestritten wird. Der Ton in manchen Mailinglisten ist zum Teil äußerst konfrontativ; ein zentrales Thema der Mitgliederversammlungen scheint zu sein, welche Personen diesmal ausgeschlossen werden sollen.

Angeblich ist es ja auch ein wesentliches Charakteristikum der High-IQ-Societies, dass sie sich früher oder später im Streit zerlegen.

Um ein Gefühl für diesen Verein zu bekommen, habe ich verschiedene Leute nach ihrer Meinung über diese Streitereien befragt. Auch wenn die Einstellung meiner Gesprächspartner zu den strittigen Themen sehr unterschiedlich war, waren sie sich dennoch über die Ursache des Unfriedens weitgehend einig: es liegt an den Anderen.

Die Anderen

Also betrachten wir diese Anderen mal. Es sind Leute, die es gewohnt sind, recht zu haben, und die treffen auf andere Leute, die auch gewohnt sind, recht zu haben. Das ist schon kein guter Anfang.

Dazu kommt die starke Betonung der Individualität bei Hochbegabten, wenig Neigung zu sozialer Anpassung. Regeln werden lieber diskutiert als befolgt, Autoritäten haben es schwer, akzeptiert zu werden. Manche scheinen auch noch ganz in dem narzistischen Auftrieb zu schweben, den die Diagnose einer Hochbegabung den Menschen geben kann.

Es fällt auch ein hoher Anspruch der Vereinsmitglieder an sich und andere auf. Diskussionen werden intensiv und unnachgiebig geführt; Fehler fallen auf und werden erbarmungslos fokussiert; entsprechend hoch ist auch die Schwelle für Kompromisse. Der Kommunikationsstil ist dabei immer sehr direkt, eher analytisch als verbindlich, was auf Uneingeweihte geradezu arrogant und verletzend wirken kann.

Aus vielen Diskussionsbeiträgen spricht auch die hohe Intensität des Erlebens, die bei Hochbegabten beschrieben ist. Daraus folgt aber auch eine stärkere Reaktion auf Kritik und eine Neigung zur Eskalation von Konflikten.

Wahrscheinlich darf man bei vielen auch prägende Konflikterfahrungen aus der Vergangenheit unterstellen. Nicht wenige von uns sind schließlich auch Versehrte eines Lebens mit Hochbegabung.

Interessant finde ich in dem Kontext die Gruppe der Juristen unter uns, die immerhin den Konflikt zu ihrem Beruf gemacht haben. Bei einigen spürt man deutlich die Erfahrung als Mediatoren in der Beilegung von Konflikten, bei anderen fällt eher ein Sieg-orientiertes Streitverhalten auf.

Und jetzt?

Anscheinend gibt es nachvollziehbare Gründe, dass High-IQ-Societies sich zerstreiten. Vielleicht muss man das als Schicksal hinnehmen. Andererseits hat dieser Verein für viele von uns einen wirklich segensreichen Einfluss und wir haben ein Interesse daran, dass die Strukturen erhalten bleiben, die uns die vielfältigen Kontakte zu anderen Hochbegabten ermöglichen.

Anders als im normalen Leben brauchen wir hier nicht mit unserem brillanten Geist zu glänzen. Jeder weiß, dass du klug bist, das sind wir auch. Dieser Verein gibt uns die Gelegenheit, mit Gleichgesinnten und Gleichgearteten Dinge zu tun und zu erleben, die im normalen Leben so nicht möglich sind.

Be excellent to each other

Ich musste an die andere große Nerd-Vereinigung in Deutschland denken, den Chaos Computer Club. Die haben als einen ihrer Wahlsprüche "Be excellent to each other". Das hat mich immer beeindruckt.

Denn der Anspruch ist hoch. Nicht nur "anständig" (das wär schon was), oder "hilfreich", nein, es soll "excellent" sein. Ich denke, auch beim CCC wird sich jede/r darüber im klaren sein, dass niemand diesen Anspruch immer erfüllt. Trotzdem – als selbstgestecktes Ziel ist das eine großartige Vorgabe, um das eigene Handeln daran auszurichten.

Dieses Ziel wendet den Blick ab von der eigenen Genialität oder auch von den eigenen Verletzungen. Wenn wir einen guten Verein wollen, müssen wir ihn positiv gestalten und da ist "Excellence to each other" eine gute Richtschnur. Dieses Ziel können wir auch nicht mit intellektueller Brillanz erreichen, das ist eine Herausforderung an unsere sozialen Fähigkeiten (ich habe gehört, Hochbegabte lieben Herausforderungen). Es wird nicht einfacher dadurch, dass wir es mit unperfekten Menschen zu tun haben. Auch wenn wir selbst uns ganz richtig verhalten, kann vielleicht eine unpassende Reaktion zurück kommen (von den Anderen eben). Und dann kann diese Excellence schon mal schwierig sein (gerechter Zorn ist nicht "excellent", einen beschränkten Geist zu belehren auch nicht).

Ich weiß, es ist naheliegender, den Anderen - der ja das Problem darstellt - zu beschimpfen oder besser noch aus dem Verein auszuschließen. Das mag im Einzelfall auch berechtigt und vielleicht sogar angemessen sein. Aber dieser Umgang wird von den Umstehenden bzw. Mitlesenden natürlich wahrgenommen und prägt dann die Atmosphäre des Vereins. In einem Verein, wo es normal und akzeptiert ist, sein Gegenüber zu beschimpfen oder verächtlich zu machen, wird man es sich zweimal überlegen, ob man sich dort einbringen will. So fürchte ich, dass wir viele Mensa-Mitglieder in die vorsichtige Passivität verlieren, weil sie sich dem Mensa-typischen Konfliktstil nicht aussetzen wollen.

Ich glaube nicht, dass das ein unabwendbares Schicksal ist. Ich schlage vor, dass auch Mensa in Deutschland per Mehrheitsbeschluss sich "Be excellent to each other" zum Motto nimmt. Mir ist auch klar, dass so ein Beschluss noch keinen Streit beendet und keine Mailingliste zu einem zivileren Ton bringt. Aber alleine die Diskussion darüber könnte ein Bewusstsein dafür anstoßen, dass ein menschenfreundlicher Umgang miteinander für uns als Verein wichtig ist. Und sollte der Beschluss tatsächlich gefasst werden, könnte man die Anderen wenn nötig auch freundlich darauf hinweisen.

Ich weiß, das mit der Excellence ist gar nicht immer so einfach. Aber ich finde, schon der Versuch lohnt sich.