Johannes Ammon, Blog

Hochbegabung und Neurodiversität

von Johannes Ammon am 28.5.2025

In einer Diskussion zum Thema Hochbegabung hat sich Noks Nauta deutlich gegen die Verwendung des Begriffs Neurodiversität gestellt. An Stelle einer ausführlichen Begründung verwies sie auf ihren Blogpost zu diesem Thema. Der ist auf Niederländisch verfasst, ich habe für mein Verständnis eine Rohübersetzung mithilfe von DeepL angefertigt.

Auch wenn ich Noks persönlich sehr schätze und ihre Fachkompetenz anerkenne, war ich damals entschlossen, hier eine ausführliche Gegenposition zu beziehen. Dann habe ich mich ausführlicher mit dem Thema befasst.

There is an english translation of this post.
Eric Papagelidis hat in einem sehr durchdachten Text die Diskussion noch erweitert und mir erlaubt, diesen hier zu veröffentlichen.

Unter anderem habe ich zwei mir bekannte Kinder-und-Jugend-PsychiaterInnen nach ihrer Meinung befragt. Deren einhellige Auskunft war, dass der Begriff "Neurodiversität" im professionellen Kontext keine Rolle spielt. Von KlientInnen und deren Eltern wird der Begriff aber in unterschiedlichen Intentionen in das diagnostisch-therapeutische Umfeld herein getragen. Dazu später mehr.

Neurodiversität bezog sich nach meiner Wahrnehmung ursprünglich auf Zustände wie Autismus oder ADHS, die sich auf einem Spektrum von charakteristischen Persönlichkeitseigenschaften einerseits bis hin zu schwerer Behinderung mit Notwendigkeit spezieller Förderung andererseits ausprägen.
Dazu kommen dann Zustände wie Legasthenie oder Dyskalkulie, die in der Regel nur defizitär beschrieben werden. Früher gab es dafür den Begriff Teilleistungsschwäche.
Außerdem auch Tourette oder bipolare Störung, die erhebliche Konsequenzen für die soziale Einbettung eines Menschen haben können und allgemein als behandlungswürdige Erkrankungen angesehen werden.
Zudem Hochsensibilität oder Synästhesie, die ein besonderes Erleben der Menschen beschreiben, aber deren Auswirkungen eher auf innerpsychische Vorgänge der Betroffenen beschränkt sind.
Und am Ende auch noch Hochbegabung, was gesellschaftlich fast ausschließlich positiv konnotiert ist.

So betrachtet ist Neurodiversität eine Kollektion von unterschiedlichsten psychischen Zuständen, die eigentlich nur durch ihr Abweichen von der Norm verbunden sind. Damit ist der Begriff für die wissenschaftliche oder diagnostische Verwendung weitgehend wertlos. Aber in der gesellschaftlichen Diskussion kann er dennoch seine Wirkung entfalten. Darauf will ich im Folgenden weiter eingehen. Ich werde mich dabei vor allem auf ADHS und Autismus als Formen der Neurodiversität beziehen.

ADHS und Autismus sind Spektrumstörungen, das heißt es gibt sie in sehr unterschiedlicher Ausprägung, von leichten Fällen, die gerade eben die Diagnosekriterien erfüllen, bis zu schwer betroffenen Menschen, die sich ohne geeignete Hilfe nicht in der Gesellschaft zurecht finden. Außerdem gibt es auch sehr viele Personen, auf die die Störungsbeschreibung nur in Teilen zutrifft, die keine diagnostizierbare Störung aufweisen, aber dennoch von der Beschäftigung mit diesen Themen für ihre Lebensgestaltung profitieren.

Medizinischer Begriff vs. Persönlichkeitsbeschreibung

Auch wenn Autismus und ADHS zunächst als medizinische Begriffe für behandlungsbedürftige Menschen gefunden wurden, werden sie zunehmend als Bezeichnung für leichtere, subklinische Zustände verwendet. Für diejenigen, die sich um die schwer behinderten Betroffenen kümmern, mag dies als irreführende Verwässerung der Begriffe erscheinen. Andererseits gibt es denen, die es als Persönlichkeitsbeschreibung verwenden, einen Verständnisrahmen für ihr selbst-empfundenes Anders-Sein. Auch können Coping-Strategien für Menschen mit einer nachgewiesenen ADHS- oder Autismus-Störung auch für Menschen nützlich sein, die diese Diagnosekriterien im strengen Sinne nicht erfüllen.

Der Vorwurf der Trivialisierung von Krankheitsbegriffen ist nachvollziehbar. Die Probleme des Kollegen, der einen ruhigen Arbeitsplatz und eine strukturierte Aufgabenstellung benötigt, um vernünftig arbeiten zu können, werden unter der gleichen Kategorie verhandelt, wie der Stress von Eltern eines schwer autistisch gestörten Kindes. Der Begriff Autismus oder ADHS wird verwendet, gleich ob man von einer Behinderung mit Krankheitswert und eher einer subjektiv empfundene Besonderheit spricht. Das kennen wir aber auch von anderen Normabweichungen. Die Konflikte eines Menschen, dessen Körperformen übliche Normvorstellungen überschreiten, haben nichts zu tun mit den schweren gesundheitlichen Problemen, die mit krankhafter Adipositas einher gehen. Und dennoch fallen beide in den Problemkreis des Übergewichts.

Durch dieses breite Spektrum an Ausprägungen stellen sich auch sehr unterschiedliche Fragen und Probleme für die Menschen, die unter die Rubriken Autismus oder ADHS fallen. Aber alle diese Fragestellungen werden unter der Überschrift Autismus bzw. ADHS oder auch Neurodiversität verhandelt. Das ist eine Quelle von Missverständnissen und auch unterschiedlichen Blickwinkeln auf die Diskussion.

Dennoch sehe ich einen Wert in der Beschreibung dieser Neurodiversitäten als Wesenszug unterhalb der Grenze des Pathologischen, wie das DSM sie zieht. Sie sind wie Schubladen oder Typologien, mit denen wir uns selbst und unsere Mitmenschen beschreiben können. Sie charakterisieren ein Set an Stärken und Schwierigkeiten, die häufig in Kombination auftreten. Sie erlauben es den Menschen, sich selbst zu verstehen, Geistesverwandte zu finden und miteinander Erfahrungen und Strategien auszutauschen. ErzieherInnen können die Auffälligkeiten der Kinder in Schubladen sortieren, in diesen Schubladen liegen dann auch die erfahrungsgemäß passenden Hilfen und Interventionen. Das eine Kind benötigt einen reizarmen Raum, das andere profitiert davon, wenn es zwischendrin einmal über den Schulhof rennen darf. Und das dritte braucht eben anspruchsvollere, interessantere Aufgaben.

Die Selbstbeschreibung mit Begriffen der Neurodiversität kann auch Identität stiften, wie es die Zuschreibung "Ich bin Autist" nahelegt. Dem kann ein eigenes Selbstbewusstsein entspringen, es beinhaltet aber eventuell auch eine Verengung des Blicks - der Mensch ist schließlich nicht nur Autist sondern auch z.B. Musikerin, Vorgesetzter oder Nachbarin. Die Neurodiversität wird dann zum Deutungsrahmen für die ganze Persönlichkeit.

Eigene Erfahrung

Ich habe ADHS kennengelernt, als wir versuchten, die Schwierigkeiten eines Kindes in meinem Umfeld zu verstehen. Und je mehr ich darüber darüber gelesen habe, um so mehr bekam ich ein Verständnis für die Schwierigkeiten in meiner eigenen Kindheit. Auch wenn wir beide wohl nicht die Diagnosekriterien für ADHS als Krankheit erfüllen würden, empfand ich die Kenntnis dieser Persönlichkeitsstruktur als sehr hilfreich. Wesenzüge oder Schwierigkeiten, die ich bisher als eigene Unzulänglichkeit oder Charaktermangel wahrgenommen habe, wurden hier als typisch für ADHS beschrieben. Das ist eine große Entlastung für das Selbstwertgefühl, dass Lebensprobleme nicht als persönlicher Fehler sondern als Folge einer neurologischen Besonderheit gesehen werden können. Einen ähnlichen Effekt mögen Selbsthilfegruppen für verschiedenste Probleme haben, die Kenntnis der Geschichten anderer Betroffener gibt eine andere Perspektive auf das eigene Erleben.

Neurodivergenz als Stärke

Von Laien wird oft reklamiert, dass diese Neurodivergenzen auch besondere Stärken sein können. Menschen mit ADHS oder Autismus hätten besondere Fähigkeiten für bestimmte Berufe oder Tätigkeiten. Das mag sein, ist aber von dem üblichen Konzept spezifischer, persönlicher Begabungsschwerpunkte kaum zu trennen. Für mich als Beispiel kann die ADHS-Neigung ein Grund dafür sein, dass die Intensiv- und Notfallmedizin ein stimmiges, mir leicht zugängliches Feld ist. Dass ich aber ein guter Intensivmediziner geworden bin, liegt nicht an ADHS sondern an Begabung, Interesse und Engagement. In anderen Fächern wäre ich vielleicht auch gut aber erheblich weniger zufrieden.

Im Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen kommt mit allen Ausprägungen dieser Spektrumstörungen in Kontakt. In den krankhaften Fällen ist die Rolle des Gesundheitswesens die Therapie bzw. der Nachteilsausgleich einer Behinderung. Aber auch Menschen, die sich durch ihre Neurodivergenz nicht als manifest krank wahrnehmen, streben die Diagnosestellung an. Eine Motivation kann die Erlangung eines Nachteilsausgleich in Schule, Studium oder Beruf sein oder eine leistungsverbessernde Medikation. Die Maßnahmen, die sonst zur Therapie von Störungen dienen, werden hier zum Werkzeug optimierender Lebensgestaltung. Die Kehrseite einer ärztlichen Diagnose kann aber sein, dass sie die Eignung für manche Berufe (z.B. Polizeidienst) einschränken und so zum Bumerang werden kann.

Vielleicht geht es beim Streben nach ärztlicher Diagnostik aber auch um die Bestätigung, dass subjektiv empfundene Mängel kein persönliches Versagen sondern Folge einer objektivierbaren Diagnose sind. Dies korrespondiert mit der Forderung an die Gesellschaft, auch divergierende Formen des emotionalen und sozialen Erlebens als "normal" zu akzeptieren.

Der Begriff der Neurodiversität changiert hier zwischen der Erwartung, die neurologische Besonderheit als gleichwertige Variante des Normalen anzuerkennen, und der Forderung nach Ausgleich der sozialen Einschränkungen, die dieser Zustand mit sich bringt.

Individuen

"Alle sind Individuen" ist als Erkenntnis wertlos. Natürlich bringt jeder Mensch seine Individualität mit, trotzdem sind einige erfolgreicher als andere, einige haben es leichter als andere, einige schwimmen in der Gesellschaft mit und andere fallen heraus. Jeder sollte in seiner besonderen Form der Individualität akzeptiert und gefördert werden.

Aber die hier besprochenen Typbeschreibungen geben ein Raster für das Verständnis der Besonderheiten einzelner Menschen. Ohne solche gedanklichen Schemata wird es zur Überforderung, jede und jeden mit seinen spezifischen Besonderheiten wahrzunehmen und diesen gerecht zu werden.

Hochbegabung und Neurodiversität

Gehört Hochbegabung in den Begriffshorizont der Neurodiversität? Es gibt durchaus Parallelen, die dies nahelegen: das subjektive Erlebnis des Andersseins, das "Nicht Passen" in Strukturen des Bildungswesens und Arbeitslebens, die Erleichterung, wenn Betroffene Ihresgleichen treffen und von ähnlichen Erfahrungen und Lebensläufen hören.

Hochbegabung ist aber kein einheitliches Phänomen. Sie bezieht sich auf sehr unterschiedliche Dimensionen der Intelligenz (sprachlich, analytisch, mathematisch usw.) und überlappt sich mit Hochbegabung in Bereichen wie Musik oder sozialer Kompetenz, die in Intelligenztests üblicherweise nicht abgebildet werden.

Was die Hochbegabung grundsätzlich unterscheidet von den beschriebenen Phänomenen der Neurodiversität, ist dass es keine pathologische Form davon gibt, dass sie nie therapiebedürftig ist. Sie kann zu Anpassungsstörungen an die Umgebung führen, aber ist selbst nie ein Zustand, der als fehlerhaft oder behandlungswürdig angesehen wird. Sie besteht wesenhaft darin, dass eine gesellschaftlich erwünschte Eigenschaft besonders stark ausgeprägt ist.

Die Konnotation von Erkrankung, die der Begriff der Neurodiversität (mit all seiner beschriebenen Problematik) transportiert, macht es nachvollziehbar, warum er im Zusammenhang mit Hochbegabung von ExpertInnen auf dem Feld als hochgradig unpassend angesehen wird.